Demokratie-Impuls: Stadt zeigt Haltung

Drei journalistische Arbeiten, die sich intensiv mit gesellschaftlichen Brennpunktthemen befassen, hat die Jury in diesem Jahr für die Auszeichnung mit dem Kasseler Demokratie-Impuls ausgewählt.

V.l.n.r: Oberbürgermeister Christian Geselle, Peter Maxwill, Dr. Peter Voegeli und Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Martina van den Hövel-Hanemann.

Preisträger sind Spiegel-Redakteur Peter Maxwill für sein Reportagebuch „Die Reise zum Riss“, die Redakteurin von „Die Zeit“, Jana Simon, für ihre Reportage über einen ehemaligen NSU-Ermittler des Landeskriminalamtes Thüringen und Dr. Peter Voegeli, Korrespondent des Schweizer Rundfunks, der sich nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle an der Saale mit zunehmendem Antisemitismus in Deutschland beschäftigt hat.

Bei der feierlichen Verleihung in der documenta-Halle - der ersten, da sie im vergangenen Jahr coronabedingt ausfallen musste - standen gesellschaftliche Brennpunktthemen im Fokus, die sich unter anderem mit rechtsextremistischen, rassistischen und antisemitischen Anschlägen in Kassel, Halle und Hanau befassen. Diese schrecklichen Ereignisse seien in das Gedächtnis unserer Gesellschaft gebrannt, sagt Oberbürgermeister Christian Geselle, der betonte: „Es ist Anliegen der Stadt, Impulse zu setzen und Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention zu fördern. Dies ist Ausdruck einer entschiedenen Haltung gegen jede Form von Menschen- und Demokratiefeindlichkeit.“

Der Dresdner Extremismusforscher Dr. Steffen Kailitz machte in seinem Festvortrag eine deutliche Spaltung der Gesellschaft aus, die sich im Gefolge der Fluchtkrise 2015 zeige und entscheidend vertieft habe. Die Verschwörungstheorie eines „Großen Austauschs“ der einheimischen Bevölkerung durch Zuwanderer habe dabei ausgehend von Pegida und dem rechtsextremistischen Teil der AfD in die Gesellschaft verbreitet, zugleich habe sie immer wieder rechtsextremistische Gewalttaten wie in Hanau und Halle inspiriert. Im Zuge der Corona-Pandemie hätten Verschwörungstheorien weitere Verbreitung gefunden. Es gelte, so Kailitz, rechtsextremen Parolen und Verschwörungstheorien, auch wenn sie von vielen getragen werden, nie als normal zu akzeptieren, ihnen unbeirrbar entgegenzuwirken und potentielle Opfer effektiv zu schützen  (zur kompletten Pressemitteilung).

Da die Preisverleihung aufgrund der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr ausfallen musste, nahmen auch die Preisträger des Jahres 2020 während der Veranstaltung in der documenta-Halle ihre Auszeichnung entgegen. Preisträger des Demokratie-Impulses 2020 ist das Autoren-Team der Süddeutschen Zeitung, Annette Ramelsberger, Rainer Stadler, Wiebke Ramm und Prof. Dr. Tanjev Schultz, für die Artikelserie „Der Prozess“. Die Journalisten hatten den Jahrhundertprozess, bei dem es auch um die Ermordung des Kasseler Bürgers Halit Yozgat im Jahr 2006 durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ging, fünf Jahre lang begleitet und dokumentiert (mehr Infos siehe unten).

Die fünfköpfige renommierte Jury würdigt Peter Maxwills Bestandsaufnahme, in der er in jahrelanger journalistischer Arbeit eine Spaltung der Gesellschaft dokumentiert und der Frage nachgeht, warum der rechte Rand so erstarkt ist. Dabei zeige er verschiedenste Aspekte auf, gewähre durch seine Recherchearbeit interessante Einsichten auch in Querverbindungen, analysiere Prozesse und zeichne auf seiner Reise durch Deutschland, die im Jahr 2015 mit der Flüchtlingslage begann, das Bild einer sich verändernden Gesellschaft.

 Durch die Auszeichnung des Rundfunkbeitrags „Zwischen Alltag und Anschlag – Antisemitismus in Deutschland“ von Dr. Peter Voegeli werde die Sicht der Betroffenen, aber auch ein erschreckendes Gesamtbild eines zunehmenden Antisemitismus deutlich, so die Jury. Voegeli schildert, wie sich für Jüdinnen und Juden der Alltag unter anderem an Deutschlands Schulen darstellt und wie die jüdische Gemeinde Halle den Anschlag am 9. Oktober 2019 erlebt hat.

Jana Simon

Bestandsaufnahme der Gesellschaft

Auch die Rolle und Fehler der Ermittlungsbehörden müssten mitunter kritisch hinterfragt werden, betonen die Juroren. Im Zusammenhang mit den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) biete die Reportage von Jana Simon hier interessante und aufschlussreiche Einblicke. Sie begleitete über mehrere Jahre hinweg zwei Thüringer Polizisten, die als einzige Beamte Fehler und Ungereimtheiten bei den damaligen Ermittlungen zum NSU aufdeckten und diese auch öffentlich kritisierten. In der „Der Fall seines Lebens“ lässt sie Mario Melzer zu Wort kommen.

Den Strukturwandel und Riss der Gesellschaft nachzuvollziehen und deutlich zu machen, die Betroffenheit der Opfer in den Fokus zu rücken, und auch eventuelle blinde Flecken der Ermittlungsbehörden im Blick zu haben, sei Anliegen der Jury, heißt es in der Begründung. In unserem demokratischen Staat gehe es darum, die Bürgerinnen und Bürger sowie die freiheitlich rechtliche Grundordnung zu schützen und die Grundlagen zur zivilgesellschaftlichen Entfaltung zu erhalten, betonen die Jurorinnen und Juroren. Der Kasseler Demokratie-Impuls könne hierbei wichtige Anstöße geben.