Interimsspielstätte des Staatstheaters

Auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne I soll ein temporärer Theaterbau entstehen, um den Spielbetrieb während der notwendigen Sanierungszeit des Großen Hauses am Friedrichsplatz ab der Spielzeit 2025/2026 zu ermöglichen.

Der Startschuss für die Errichtung der Interimsspielstätte des Staatstheaters Kassel ist gefallen

Auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne I soll in den nächsten 15 Monaten ein temporärer Theaterbau entstehen, um den Spielbetrieb während der notwendigen Sanierungszeit des Großen Hauses am Friedrichsplatz ab der Spielzeit 2025/2026 zu ermöglichen. Die Vorbereitungsarbeiten auf dem Gelände haben begonnen. 

„Das Staatstheater Kassel ist ein wichtiger Kultur- und Wirtschaftsfaktor für unsere Stadt. Ich freue mich sehr, dass wir heute den Projektstart für die Interimsspielstätte unseres Staatstheaters auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne I mit allen Beteiligten verkünden können“, so Oberbürgermeister Sven Schoeller. 

Kassel ist eine der traditionsreichsten Theaterstädte Deutschlands: Schon vor über 400 Jahren wurde unter Landgraf Moritz das Ottoneum als erster fester Theaterbau Deutschlands errichtet. Das Staatsorchester Kassel, hervorgegangen aus der 1502 gegründeten Hofkapelle, feierte bereits sein 500-jähriges Bestehen und gehört damit zu den ältesten Kulturorchestern Deutschlands und der Welt.

Schoeller: „Vor dem Hintergrund der Theatertradition unserer Stadt hat sich uns nicht die Frage gestellt, ob eine Ersatzspielstätte für das Staatstheater gebaut wird, sondern nur wie eine solche in der Kürze der verbleibenden Zeit bis zur Schließung des Großen Hauses realisiert werden kann und dies in einer Weise, dass die Künste an diesem neuen Ort nicht weniger florieren.“

Der Startschuss für die Errichtung der Interimsspielstätte des Staatstheaters Kassel ist gefallen: (v.li.) Florian Lutz, Intendant des Staatstheaters Kassel, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Oberbürgermeister Sven Schoeller, Dieter Ripberger, Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters Kassel, Stadtklimarätin Simone Fedderke, Bernd Helmstadt (Nüssli Group), GWG‐Geschäftsführer Uwe Gabriel.

Stadt und Land übernehmen gemeinsam Verantwortung

Nachdem in den vergangenen Jahren verschiedene Optionen verfolgt und schließlich wieder verworfen wurden, ist es Anfang dieses Jahres gelungen, den gordischen Knoten zu lösen: Mit der Möglichkeit eines Staatstheater-Interims in Form eines temporären Modul-Systembaus im bislang unbebauten Innenbereich der ehemaligen Jägerkaserne I zeigte die Stadt einen in zeitlicher wie auch rechtlicher Hinsicht gangbaren Weg auf, der sowohl beim Staatstheater als auch beim hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur Anklang fand.

Oberbürgermeister Schoeller und Staatsminister Timon Gremmels konnten auf dieser Grundlage für die gemeinsamen Träger des Staatstheaters, das Land Hessen und die Stadt Kassel, die Finanzierung der Maßnahme vereinbaren. Dabei trägt das Land Hessen sowohl für die Dauer der Nutzung der Ausweichspielstätte als auch bei der Sanierung des Großen Hauses 80 Prozent der anfallenden Kosten. Gemäß Theatervertrag tragen Land und Stadt Kosten im Regelfall im Verhältnis 52:48.

„Mir ist es wichtig, dass das Land auch in schwierigen Haushaltszeiten zu seiner Verantwortung als Träger des Staatstheaters Kassel steht und sowohl im Stammhaus am Friedrichsplatz als auch beim Interim den Löwenanteil der Kosten übernimmt“, so Kunst- und Kulturminister Gremmels. „Damit stellen wir auch während der Bauphase einen zeitgemäßen Betrieb des Staatstheaters sicher. Deshalb sind wir der Stadt dankbar, dass sie als Mitträger des Staatstheaters die Verantwortung für die Errichtung der Interimsspielstätte übernommen hat.“

Kultur als unverrückbarer Pfeiler für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Kulturminister Gremmels und Kulturdezernent Schoeller unterstreichen im Rahmen der Vorstellung des Interimsprojektes die gesellschaftspolitische Bedeutung des Staatstheaters: „Das demokratische Gemeinwesen braucht Orte wie das Staatstheater als Reflexionsraum, gerade in der heutigen Zeit.“

Theater und Orchester eröffnen in der Vielfalt künstlerischer Angebote und Darstellungsformen jene, immer rarer werdenden Räume der Teilhabe und eines gemeinsamen Erlebens und lebendigen Austauschs. Indem sie neue soziale, kulturelle wie auch politische Entwicklungen und sich daraus ergebende Diskurse aufgreifen, gestalten sie unser Gemeinwesen mit. Auch deswegen ist der Anspruch des Intendanten des Kasseler Staatstheaters Florian Lutz, möglichst viele unterschiedliche Menschen in unserer Stadt und im Umland anzusprechen und zu erreichen, so bedeutsam.

Ein wandlungsfähiger Theaterbau für das Staatstheater Kassel

„Gemeinsam mit der GWG konnten wir einen modernen und wandlungsfähigen Theaterbau für 850 Besuchende konzipieren, in dem eine Kombination einfacher technischer Komponenten für eine einzigartige Multifunktionalität und Verwandlungsfähigkeit sorgt. Auch einen Orchestergraben wird es für das Staatsorchester geben. Dieses innovative und nachhaltige Modelltheater könnte eine richtungsweisende Rolle in der Entwicklung der Theaterbauten einnehmen und in der Tradition des berühmten Ottoneums als ältestem stehenden Theatergebäude nördlich der Alpen die bedeutende Theatergeschichte Kassels fortschreiben“, so Lutz. „Entsprechend dankbar bin ich Oberbürgermeister Schoeller, dass er die Realisierung dieses künftigen temporären Opernhauses initiiert und mit großer Entschiedenheit, gemeinsam mit Minister Gremmels, vorangetrieben hat. Entscheidende Projektfortschritte in den letzten Monaten lassen die Eröffnung unseres temporären Opernhauses im Herbst 2025 in greifbare Nähe rücken.“

„Für unsere gut 600 Mitarbeitenden, von denen über die Hälfte unmittelbar in die Produktionen des Opernhauses involviert sind, ist die Entscheidung für dieses hochwertige Interims-Opernhaus von existenzieller Bedeutung“, so der Geschäftsführende Direktor des Staatstheaters Dieter Ripberger, der direkt zu seinem Start in Kassel in das Projekt eingestiegen ist. „Der hier eingeschlagene Weg, um dem Staatsorchester und dem Musiktheater für die unausweichliche Phase der Renovierung des Opernhauses eine Heimat zu bieten, ist schon heute ein kulturpolitischer Erfolg, auf den in anderen Kommunen neidvoll-staunend geblickt wird.“

Die GWG baut im Auftrag der Stadt

Um eine schnellstmögliche Realisierung der Interimsspielstätte zu gewährleisten, hat sich die Stadt Kassel ihrer Tochtergesellschaft GWG – Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel mbH – als Investorin und Bauherrin bedient. Das temporäre Bauwerk wird demnach durch die GWG im Auftrag der Stadt Kassel errichtet, im Anschluss von ihr angemietet und an das vom Land Hessen bevollmächtigte Staatstheater Kassel untervermietet. Der Nutzungszeitraum für die Ersatzspielstätte hängt mit dem Zeitraum der Generalsanierung des Großen Hauses durch das LBIH zusammen; derzeit wird dort von fünf Jahren ausgegangen.

„Wir sind stolz, als städtische Tochter dieses bedeutende Projekt zu unterstützen und gemeinsam mit allen Beteiligten umzusetzen; die Expertise aller Partner ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Neben unseren Kernkompetenzen in der Wohnungswirtschaft und Quartiersentwicklung wird die GWG in diesem Projekt auch stadtgesellschaftliche Aufgaben vorantreiben. Unser Ziel ist es, gemeinsame kulturelle Erlebnisse zu ermöglichen. Unser Selbstverständnis ist es, Wohnen und Leben in Kassel gesamtheitlich zu denken“, so GWG-Geschäftsführer Uwe Gabriel.

Nach der Nutzung durch das Staatstheater plant die GWG einen Verkauf: Der modulare Theaterbau ist vollständig demontierbar und kann im Anschluss an die Bespielung in Kassel an jedem anderen Ort auf der Welt wieder aufgebaut werden. Angesichts der u.a. von der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft angenommenen hohen Zahl sanierungsreifer Spielstätten allein in Deutschland ergibt sich ein potenzieller, großer Markt für den Weiterverkauf und den Weiterbetrieb von Interimsbauten. Gabriel: „Temporärbauten mit modularer Bauweise und vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten sind wie moderne Gebäude einzuordnen und eine Nachnutzung kann eine wirtschaftliche und umweltfreundliche Alternative zu dem aufwendigen Umbau vorhandener Gebäude sein.“ Sollte eine Vermarktung wider Erwarten nicht gelingen, so könnte die Modulbauhalle – ohne theaterspezifische Einbauten – auf einem anderen Grundstück in der Stadt wieder aufgebaut und für kommunale, beispielsweise andere kulturelle oder sportliche, Zwecke genutzt werden.

NÜSSLI ist Generalübernehmer

In einem europaweiten Vergabeverfahren, das als Verhandlungsverfahren mit vorausgehendem Teilnahmewettbewerb gemäß EU-Richtlinien durchgeführt wurde, hat sich die GWG einen renommierten Partner als Generalübernehmer zur Seite geholt: Der Auftrag für den Bau der Interimsspielstätte des Staatstheaters Kassel wurde vor ein paar Wochen an NÜSSLI vergeben.

NÜSSLI steht international an der Spitze im Projektmanagement und in der baulichen Umsetzung komplexer Infrastrukturen für Veranstaltungen und Einrichtungen, die unter Zeitdruck zu realisieren sind. Das erfahrene Team deckt alle wichtigen Bereiche wie Bauausführung, Bühnentechnik, Akustik und technische Gebäudeausrüstung ab, wodurch eine präzise Bauablaufplanung und rasche Fortschritte garantiert sind. Ein Referenzprojekt ist beispielsweise die Interimslösung für den Münchner Gasteig, wo NÜSSLI die Isarphilharmonie für das neue Interimsquartier „Gasteig HP8“ realisiert hat.

Bernd Helmstadt, Director Business Development und Geschäftsführer NÜSSLI (Deutschland) GmbH: „Wir freuen uns sehr, dass wir das Vertrauen erhalten haben, die Interimsspielstätte für das Staatstheater Kassel zu realisieren. Es ist uns eine Ehre, dieses bedeutende Projekt umsetzen zu dürfen.“

ÖPNV Anbindung, Stellplätze und Zuwegung zum Gelände

So kommen Sie zur Spielstätte

Auch die Zuwegungen zum Ersatzspielort werden frühzeitig mitgedacht, geplant und für Ausschreibung und Bau vorbereitet. So wird es ergänzend zum Hauptzugang aus der Ludwig-Mond-Straße zwei weitere, fußläufige Zugänge geben. Einerseits plant das Umwelt- und Gartenamt im Zuge der Realisierung des Staatstheaterinterims eine Wegeverbindung in Form eines Rampenbauwerks vom Gelände der Jägerkaserne zur Frankfurter Straße, um die Besuchenden des Theaters zur Tram-Haltestelle Park Schönfeld oder alternativ zum PKW-Parkplatz auf dem HNA-Gelände an der Frankfurter Straße zu bringen. Dort wird das Parken für Theaterbesucherinnen und -besucher ermöglicht: zu Aufführungszeiten stehen dank einer Vereinbarung zwischen der GWG und der HNA 200 Parkplätze zur Verfügung. Andererseits erfolgt die Anlage eines Zugangs direkt von der Auestadionkreuzung, um das Theater auch über die ÖPNV-Haltestelle Auestadion noch besser anzubinden.

Fahrrad- und Mitarbeiterstellplätze werden auch auf dem Gelände im Innenbereich der Jägerkaserne I hergestellt.

Baubeginn soll im September sein

GWG und NÜSSLI planen - nach entsprechenden Vorarbeiten wie u.a. der Fertigstellung der Bodenplatte - den Bau im September zu beginnen. Bis Ende des Jahres sollen Stahlbau inklusive Außenhülle hergestellt sein und ab Januar 2025 dann der Innenausbau folgen. Der ambitionierte Zeitplan sieht einen Einzug des Staatstheaters im Sommer parallel zu den Abschlussarbeiten und die Übergabe des Objektes im Herbst 2025 vor.

Oberbürgermeister Schoeller: „Einfache Erreichbarkeit, hohe Aufenthaltsqualität auch mit einem gastronomischen Angebot und intensive künstlerische Erlebnisse sollen diesen Ort in den kommenden Jahren pulsieren lassen und das Potenzial bieten, gestärkt, mit neu hinzugewonnenem Publikum, aus dem Interim ins Stammhaus zurückzukehren. Ich bin sehr dankbar für eine an diesem Projekt hochengagiert arbeitende Verwaltung und die Mitarbeitenden städtischer Planungs- und Baugesellschaften, allen voran der GWG als Bauherrin. Wir alle können stolz auf die bisher erzielten Ergebnisse sein und gespannt auf die weiteren Fortschritte. Dass wir NÜSSLI für unser ambitioniertes Projekt als Partner gewinnen konnten, ist ein großer Glücksfall.“

Bau der Interimsspielstätte ist zugleich Startschuss für Quartiersentwicklung

Die Stadt Kassel beabsichtigt eine langfristige städtebauliche Entwicklung der Jägerkaserne I als urbanes Quartier: Im bisher unbebauten Innenbereich des Areals sollen ca. 200 neue Wohnungen und eine Quartiersgarage entstehen. Einen Teil der zentral gelegenen und gut angebundenen Fläche stellt die Stadt für den temporären Theaterbau zur Verfügung und zieht eine technische Neuerschließung des Areals vor. Während andere große Wohnbauprojekte durch die Zins- und Baupreisentwicklung teils gestoppt sind oder sich erheblich verzögern, wird hierdurch schon jetzt – parallel zur Errichtung der Interimsspielstätte – der Anstoß zu sozialem Wohnungsbau gegeben: Die Stadt Kassel bietet, entsprechend des städtebaulichen Konzepts für das Quartier, aktuell zwei Bauflächen für die Errichtung von Mehrfamilienhäusern mit gefördertem Wohnraum im Quartier der Jägerkaserne I im Rahmen eines Konzeptverfahrens an. Etwa 75 Wohnungen sollen auf den beiden Bauflächen entstehen. Die Wohnungen sollen spätestens im dritten Quartal 2027 bezugsfertig sein. Der Theaterbau ist damit zugleich Startschuss zur Quartiersentwicklung.

Aktuell finden auf dem Areal bereits Maßnahmen zur Kampfmittelsondierung und          -beräumung sowie Erschließungsmaßnahmen öffentlicher Ver- und Entsorger statt. Denn Themen wie Entwässerung, Straßenbeleuchtung, Stromversorgung etc. müssen ebenfalls schon jetzt in die Planungs- und Vorbereitungsprozesse einfließen.

„Bereits bei den Bauarbeiten für die Leitungsanlagen und die verkehrliche Erschließung des Areals berücksichtigen wir die spätere Konversion der Jägerkaserne mit Wohnungsbau“, erklärt Stadtbaurätin Simone Fedderke. „So werden beispielsweise Leitungen und Straßen so verlegt, dass sie für den Wohnungsbau weitergenutzt werden können.“

Die Stadt Kassel setzt mit der Jägerkaserne ein Zeichen für eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung, die ökonomische, ökologische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Durch vorausschauende Planung und Mehrfachnutzung von Ressourcen werden Kosten gespart und gleichzeitig die Umwelt geschont.

Hintergrund Sanierung und Modernisierung Staatstheater

Im 1959 eröffneten Staatstheater in Kassel wurde in den 1990er Jahren die Bühnentechnik und bis 2007 die Gebäudetechnik saniert. Aufgrund gestiegener Anforderungen soll nun die Bühnentechnik im Großen Haus auf den aktuellen Stand gebracht werden. Gleichzeitig sollen wegen der ohnehin notwendigen Schließung des Theaters auch gleich das Dach und die Fassade energetisch erneuert werden.