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KISS Interview: SHG Angehörige von Menschen mit Depressionen

Interview im KISS Selbsthilfemagazin 2018

Plötzlich ist er ein anderer Mensch
Selbsthilfegruppen für Angehörige von Menschen mit Depression, Psychose und bipolarer Erkrankung gegründet

Mein Mann/meine Frau/mein Kind ist ein anderer Mensch geworden. Was ist die Krankheit und was ist er/ sie selbst? Vor dieser Frage stehen Angehörige von psychisch kranken Menschen. Mit Unterstützung der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen KISS wurden seit Ende 2017 Selbsthilfegruppen für Angehörige von Menschen mit Depressionen, Psychose und bipolarer Erkrankung neu gegründet. Gemeinsam ist allen: Es wird sehr viel innere Stärke benötigt, um als Angehöriger mit dieser Situation umzugehen. Aber gemeinsam geht es leichter.

Gelassen bleiben
Unter Schock stehen Eltern von Jugendlichen, bei denen die psychische Erkrankung gerade diagnostiziert wurde. Ihnen stellen sich viele Fragen. Wie soll es nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie weitergehen? Tagesklinik? Wohnheim? Nach Hause? Das Kind war doch so gut in der Schule, nun bringt es nichts mehr auf die Reihe. Sind das vielleicht die Nebenwirkungen der Medikamente? Ist das chronisch oder geht es wieder vorbei? Was ist das Beste für unser Kind? Diese Fragen treiben die Eltern Tag und Nacht um. Selbst die Experten können nicht genau sagen, wie sich die Krankheit entwickeln wird. Es gilt abzuwarten und sich selbst zu informieren, um bei den Fachleuten mitreden zu können. Aber wie soll man gelassen bleiben?

Gelassen zu bleiben kann man sich von denen in der Gruppe abschauen, deren Angehöriger bereits länger erkrankt ist. „Egal, was wir unserer depressiven Tochter als Hilfe vorschlagen, ob Psychotherapie oder nur das Zimmer aufzuräumen, sie empfindet es als Druck und reagiert heftig. Entweder schreit sie uns an oder zieht sich total zurück. Sind vielleicht alle Menschen mit psychischer Erkrankung besonders sensible Menschen?“ Der Blick geht in die Runde der Gruppenteilnehmer und fast alle nicken. Diese Erfahrung können die anderen bestätigen. „Wenn ich so angeschrien werde, halte ich eine Weile Abstand. Ich habe gelernt, mein Leben weiter zu leben, Dinge zu tun, die mir Freude machen. Auch wenn ich weiß, dass die Situation zu Hause genau so schwierig ist wie vorher“, entgegnet ein Vater.

Eigene Bedürfnisse beachten
Ein Thema beschäftigt die Partner von psychisch kranken Menschen ganz besonders. „Gehe ich raus aus der Partnerschaft, um meine eigenen Bedürfnisse befriedigt zu bekommen? Jeden Tag ein bisschen oder wirklich ganz?“ Die Antworten sind individuell sehr verschieden. „Wenn es meiner Frau schlecht geht, bleibe ich selbstverständlich auch zu Hause. Wir haben immer viel gemeinsam gemacht und ich liebe sie doch“ ist das eine Ende des Spektrums. „In diesen Mann habe ich mich nicht verliebt. Er ist völlig verändert und ich habe keine Hoffnung, dass das wieder aufhört“, ist das andere.

Hört das wieder auf?
Hört das auch wieder auf? War eine der wichtigsten Fragen, die die Mitglieder der Selbsthilfegruppe Angehörige von Menschen mit Depressionen an die Fachärztin vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts Region Kassel stellten. KISS hatte eine Fragestunde für die Gruppe organisiert. Statistisch gesehen besteht eine gute Chance, dass sich die Depression nach anderthalb bis zwei Jahren bessert. Doch aus den Erzählungen der Gruppenmitglieder wird deutlich, dass es chronische Verläufe mit wiederkehrenden besseren und schlechteren Phasen gibt.

Medikamente
Während manche Betroffene die Einnahme von Medikamenten aus Furcht vor Abhängigkeiten und unangenehmen Nebenwirkungen ablehnen, sind Medikamente für Angehörige oft die Chance zu einer positiven Veränderung. „Meiner Mutter ging es immer ganz schlecht, wenn sie ihre Pillen abgesetzt hatte, weil sie dachte, sie schafft es ohne“, sagt ein heute erwachsener Sohn. Er musste als Kind die Stimmungen der Mutter auffangen und vor den Nachbarn verheimlichen. Noch heute geht ihm das Erlebte sehr nah, wenn er in der Gruppe davon erzählt. Medikamente, immer in Zusammenarbeit mit dem Arzt, kann er nur befürworten. Offen wird auch darüber gesprochen, dass Medikamente die Lust auf Sex ausbremsen können. „Das ist schon enttäuschend, aber jetzt weiß ich wenigstens, dass es nicht an mir liegt“, so ein Gruppenmitglied.

Psychotherapie
„Was ist eigentlich Psychotherapie, warum will meine Partnerin mir nichts davon erzählen, was sie mit dem Therapeuten bespricht?“ fragt ein Gruppenmitglied in die Runde. Einige haben sich selbst Hilfe beim Psychotherapeuten geholt und eine Frau sagt: „Wenn ich meiner Therapeutin etwas erzähle, was mich beschäftigt, stellt sie mir ganz geschickte Fragen. Bis ich erkenne, dass ich wieder auf mein altes schädliches Muster hereingefallen bin. Dann überlegen wir gemeinsam, wie ich da rauskomme. Das sind meine innersten Fragen, die teile ich nicht so einfach am Kaffeetisch mit.“ Das kann der Fragesteller gut nachvollziehen und fühlt sich von der Partnerin bereits weniger abgelehnt.

In Beziehung bleiben
Dass die Ursachen psychischer Erkrankungen biopsychsozial, also vielfältig sind, hat die Gruppe bei der ärztlichen Fragestunde gelernt. „Das Beste, was dem Kranken passieren kann, ist, dass Sie als Angehöriger für ihn da sind“, hatte die Fachärztin den Gruppenmitgliedern mit auf den Weg gegeben. Positive Bezugsperson zu bleiben ist der besondere Wunsch der Mütter psychosekranker erwachsener Kinder. Und zwar gerade bei einem langjährig erkrankten Menschen, der selbständig, aber oft einsam lebt. Eine Mutter drückt es so aus: „Mein Sohn lebt in seiner eigenen Welt. Doch auch er ist ein wertvoller Mensch und ich versuche, ihn zu verstehen. Manchmal dringe ich durch und wir begegnen uns auf Augenhöhe. Das ist schön.“ Wie das gehen kann mit Einfühlungsvermögen und ohne Vorwürfe ist speziell Thema der seit zehn Jahren existierenden Angehörigengruppe von Menschen mit Borderline. Sie übt „Gewaltfreie Kommunikation“ nach der Methode von Marshall Rosenberg miteinander. Da gibt es zwischen den Angehörigengruppen noch viel voneinander zu erfahren.
Autorin: Carola Jantzen

Information zu Depression, Psychose, Bipolare Erkrankung

Depression: Die Weltgesundheitsorganisation definiert Depression als eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen.

Psychose: Psychose ist ein Überbegriff für schwere psychische Störungen, bei denen Betroffene zeitweise den Bezug zur Realität verlieren. Häufige Symptome sind Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.
Quelle: www.netdoktor.de

Bipolare Störungen: Bipolare Störungen sind chronisch verlaufende psychische Erkrankungen, die durch manische und depressive Stimmungsschwankungen charakterisiert sind. Die Manie stellt sich als übersteigertes Hochgefühl dar und die Betroffenen sind gleichzeitig meist überaktiv, euphorisch oder gereizt. Auf diese Phase folgen mehr oder weniger ausgeprägte Depressionen, mit gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit und Traurigkeit. Die Stimmungsschwankungen treten episodisch und unabhängig von der augenblicklichen Lebenssituation auf.
Quelle: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org

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